Von Radlern besetzt, vom Radeln besessen - Outdoor Führer

Von Radlern besetzt, vom Radeln besessen

By Baumann Viola | April 5, 2017 | Last update on April 5, 2017

Drei Tage geht es nur ums Rad. Zum coolsten und größten Mountainbike-Wettbewerb, der Salzkammergut Trophy, hatten sich 5200 Teilnehmer angemeldet.

Am 9. Juli verbannte der Bürgermeister von Bad Goisern von Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag die Autofahrer vom Hauptplatz des Ortes und auch aus einigen Seitenstraßen. Er verlor aber kein böses Wort darüber, dass alle, die auf vier Rädern eintrudelten (praktisch jeder Radler), sich kilometerlang an den Rand der Hauptstraße parkten, und als es dort keinen Platz mehr gab, ihre Karosse einfach auf dem Acker abstellten, auf dem Supermarktparkplatz, in kleinen Gässchen auf beiden Seiten; alleine der Kreisverkehr schien von parkenden Motorfahrzeugen verschont geblieben. Und man mag es kaum glauben, keiner hupte, die Autofahrer (die Einheimische oder Radfahrer von anderswo waren) fuhren im Slalom mit stoischer Ruhe die Gassen entlang, achteten auf die trainierenden Radler und schon am Tag vor dem Start am Samstag herrschte vom Adrenalin aufgepeitschte Festivalstimmung.

Zum coolsten und größten Mountainbike-Wettbewerb, der Salzkammergut Trophy, hatten sich 5200 Teilnehmer angemeldet, manche mit mehr, manche mit weniger Familienmitgliedern. Traten beide Elternteile beim Wettbewerb an, hatte man auch die Großeltern mitgenommen, damit sie auf die Kinder aufpassten, also trieben sich rund 8000 Leute auf dem Hauptplatz herum… All das geschah in bester Stimmung, man war fröhlich, drückte einander die Daumen und half sich gegenseitig. Denn in den Ländern, aus denen die meisten Teilnehmer stammten (Österreich, Deutschland, Tschechien), ist das Radfahren kein Freiheitskampf wie bei uns in Ungarn, sondern eine alltägliche, normale Tätigkeit, die auch mit Kindern und Großmutter, zur Entspannung betrieben wird, der der Herr Bürgermeister genauso frönt wie der Geschäftsführer oder Briefträger.

Cube Acid

Auf der Salzkammergut Trophy dreht sich drei Tage lang alles um die Radfahrer

An den Ausstellungsständen gab es viele Wahnsinnsaktionen, beim Gratisservice checkten sie unsere Räder durch, die Organisatoren versorgten uns mit Essen und Trinken, für die Männer wurden Freiluftduschen aufgestellt (die Frauen erhielten Zutritt zu den offiziellen Waschräumen), eine Heerschar von Masseuren erwartete die müden Rückkehrer und stürzte sich auf ihre müden Knochen, alles, wirklich alles war ausgeschildert, sodass niemand sich verlaufen konnte; die Zuständigen hatten auch daran gedacht, dass wir, nachdem wir unser Mountainbike gewaschen hatten, selbst tropfnass und schlammig sein würden, und es gut wäre, nach 2 Schritten das Rad in der Aufbewahrung abgeben zu können, um dann 50 Schritte weiter uns selbst sauber zu schrubben und daraufhin sogleich in die Hände der Masseure zu fallen. Man hatte alles durchgedacht und dann verwirklicht. Eine geniale Logistik wie diese habe ich noch bei keinem Wettbewerb gesehen, auch bei Laufbewerben, Schwimmen oder Triathlons nicht.

Gleich geht‘s los, also regnet‘s

Dass nach dem hochsommerlichen Wetter vom Freitag es am Samstagmorgen schüttete, hat wohl niemanden überrascht. Nachdem das die Spezialität der Salzkammergut Trophy ist, habe auch ich zwischen zweimal Gähnen trocken festgestellt, dass es regnet, da gleich der Startschuss fällt. Das Fenster unserer erstklassigen Unterkunft mit Sauna, der Hagan Lodge, blickte auf den von vielen geschätzten Hang, eine beliebte Schipiste, so konnte ich in der Früh um acht nicht nur in den Regen starren, sondern den Startern auf der 211 km langen A-Strecke bei ihrem wenig begeisterten Scharwenzeln im immer ausladenderen Schlammmeer zusehen. Meine Begeisterung wurde durch das Bewusstsein gedämpft, dass ich in einigen Stunden ihnen nachfahren müsste, überhaupt abfahren, doch schon jetzt war alles rutschig, nicht eine winzige trockene Stelle war mehr auszumachen. Und wirklich: Als ich das obere Ende der Schipiste erreicht hatte, dachte ich, ich könnte mit meinem Super Testrad doch einfach versuchen, herunterzuradeln, nur stiegen alle vor mir, ohne Ausnahme vom Rad, und nachdem mir das Selbstwertgefühl meiner Geschlechtskollegen wichtig ist, folgte ich ihrem Beispiel (ich nehme an, die übrigen Mädel sind aus ähnlichem Grund abgestiegen). Aber auch zu Fuß war das Fortkommen weder graziös noch stabil.

Wer schiebt denn hier bergab? Quelle: Péter Móni

An der Versorgungsstation wollte man die unerfahrenen Teilnehmer auch diesmal ärgern, indem man zu viele gute Sachen anbot. Sie stiegen ab, brauchten erst einmal 10 Minuten um sich durch das Angebot zu kosten und mussten sich dann mit vollem Bauch den nächsten Anstieg hinaufschleppen. Ich aber kannte diesen Trick schon, deshalb aß ich unterwegs nur mit den Augen, naja, ein wenig Isotonisches, Käse und Melone nahm ich schon zu mir. Bei der Labstation traf ich meinen lieben Radlerkollegen Peti vom Vorjahr wieder. Wir begegneten uns völlig zufällig, fast genau an der gleichen Stelle wie im Jahr zuvor, und unterhielten uns gemütlich, während wir den endlosen Anstieg hinauffuhren und viele andere hektisch kurbelnde Radfahrer hinter uns ließen.

Über sieben Brücken musst du fahren… Quelle: Péter Móni

Diese Zufallsbekanntschaft war mir auch bei solchen Kleinigkeiten eine Hilfe, wie dass er mich darauf aufmerksam machte, dass ich als frischgebackener Scheibenbremser darauf achten solle, die Bremsen nicht zu überhitzen. Bei der gewohnten V-Bremse hatte ich auf sowas nicht zu achten. Ja, er riet mir auch, ein wenig Luft aus den genial bequemen Acid-Ballonreifen zu lassen, weil mein Popscherl ein wenig härter als ideal auf den Sattel schlug, als ich über Stock und Stein fuhr. Ja, ich machte mit ihm die Erfahrung, dass es auch Konkurrenten gibt, die auf einen warten, einen anfeuern, einem helfen und wenn sie davonziehen, das nur machen, um dich zu fotografieren und nicht, um einige Minuten früher im Ziel zu sein.

Davon kann man nicht genug bekommen…

Die Salzkammergut Trophy ist en bloc ein wirklich genussvoller Wettbewerb, sodass man einfach jedes Jahr hierher zurückkommen muss. Die Menschen, die wirklich perfekte Organisation, diese Radlerzusammenkunft, die Herausforderung der langen Anstiege, all das ist einfach so verlockend und stattet einen für lange, lange Zeit mit positiver Energie aus. An zermürbenden Arbeitstagen muss man sich nur an die eine oder andere gute Bergfahrt erinnern oder eine brutale Abfahrt mit vielen Wurzelstöcken, über die man nicht gestürzt, sondern geflogen ist, und schon hat man die Motivation zum Weitermachen gewonnen, auch wenn die Sonne heiß brennt, es in Strömen regnet oder die große Faulheit ausgebrochen ist. Kurzum, Salzkammergut, du wirst uns nimmer los, auch nächstes Jahr sehen wir uns wieder!

 

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